Weinkeller-App im Vergleich: Tabelle, Vivino, CellarTracker, Vinsieme
Die Wahl fällt nicht zwischen Funktionslisten, sondern zwischen vier verschiedenen Fragen, auf die diese Werkzeuge antworten.
Wer seinen Bestand erfasst, trifft eine Entscheidung mit langer Halbwertszeit. Nach zweihundert Flaschen wechselt niemand mehr gern das Werkzeug. Umso ärgerlicher ist, dass die übliche Vergleichsform — Häkchen in einer Funktionsliste — an der eigentlichen Sache vorbeigeht. Die vier gängigen Ansätze unterscheiden sich nicht in erster Linie im Umfang, sondern darin, welche Frage sie beantworten.
Die Kernfrage entscheidet
Es gibt zwei völlig verschiedene Probleme, die im Alltag beide „Wein-App" heißen. Das eine lautet: Welchen Wein soll ich kaufen? Das andere: Wo steht meine Flasche, und wann trinke ich sie? Das erste ist ein Empfehlungsproblem und braucht viele Menschen, viele Bewertungen und einen Zugang zum Handel. Das zweite ist ein Verwaltungsproblem und braucht Plätze, Zeitangaben und Verlässlichkeit. Werkzeuge, die das eine gut lösen, lösen das andere selten mit.
Tabellenkalkulation
Der unterschätzte Ausgangspunkt. Eine Tabelle kostet nichts, gehört vollständig einem selbst, lässt sich in jedes Format exportieren und kennt keine Grenze bei den Spalten. Für Bestände unter etwa fünfzig Flaschen ist sie schwer zu schlagen.
Ihre Schwäche liegt nicht in der Funktion, sondern in der Ergonomie. Jede Zeile muss von Hand entstehen, und zwar meist am Rechner, während die Flaschen im Keller stehen. Genau dort bricht die Disziplin zusammen: Erfasst wird der Zukauf, nicht die Entnahme, und nach einem halben Jahr stimmt der Bestand nicht mehr. Wer bei der Tabelle bleibt, sollte zumindest die Felder führen, die später fehlen — dazu gehört vor allem der Stellplatz (siehe Weinkeller anlegen).
Bewertungs- und Entdeckungs-Apps
Anwendungen wie Vivino sind darauf gebaut, vor dem Kauf zu helfen. Man fotografiert ein Etikett im Regal des Händlers und bekommt in Sekunden eine Einschätzung, die auf sehr vielen Bewertungen beruht. Das ist eine echte Leistung, und sie ist mit kleinen Datenbeständen nicht nachzubauen: Der Wert entsteht aus der Größe der Community.
Diese Ausrichtung erklärt aber auch die Grenzen. Eine Kellerfunktion ist in solchen Apps meist vorhanden, sie ist nur nicht das Zentrum. Der Bestand ist eine Liste, kein Raum — die Frage „in welchem Fach liegt sie?" ist nicht die Frage, für die die App gebaut wurde. Dazu kommt die Finanzierung: Entdeckung und Handel gehören zusammen, weshalb solche Dienste in der Regel werbe- oder provisionsfinanziert arbeiten und entsprechend Nutzungsdaten auswerten. Wer den Dienst zum Kaufen nutzt, bekommt dafür einen fairen Gegenwert. Wer ihn nur zum Verwalten nutzt, zahlt mit Daten für eine Leistung, die er gar nicht braucht.
Sammler-Datenbanken
CellarTracker steht für eine eigene Kategorie: eine seit vielen Jahren gewachsene Datenbank für Sammler, mit ausführlichen Verkostungsnotizen aus der Nutzerschaft und einer Bestandsverwaltung, die auf große und komplizierte Keller ausgelegt ist. Wer mehrere hundert Flaschen führt, Jahrgangstiefe hat und Wert auf fremde Notizen zu genau seinem Wein legt, findet hier ein Werkzeug, das kaum an Grenzen stößt.
Der Preis dafür ist Anspruch. Die Bedienung stammt aus einer Web-Tradition und ist auf Vollständigkeit optimiert, nicht auf schnelle Erfassung mit einer Hand im Keller. Für einen Bestand von achtzig Flaschen ist das ein sehr großes Werkzeug für eine kleine Aufgabe.
Vinsieme
Vinsieme beantwortet ausschließlich die zweite Frage. Das Etikett wird fotografiert und maschinell ausgelesen, die Flasche bekommt einen Platz in einem nachgezeichneten Regalplan, und das Trinkfenster steht am Wein statt im Gedächtnis. Der Bestand liegt auf dem Gerät, was Nachschlagen und Entnehmen ohne Empfang möglich macht — im Keller ist das kein Randfall. Ein vollständiger Export ist vorgesehen, es gibt weder Werbung noch Tracking, und die Nutzung kostet nichts.
Der Zuschnitt ist damit eng: kein Empfehlungssystem, kein Handel, keine Entdeckung. Das ist keine Bescheidenheit, sondern die Entscheidung, die hinter allem anderen steht.
Die Kriterien im Vergleich
Angaben zu fremden Produkten sind bewusst vorsichtig gehalten; Tarife und Funktionsumfänge ändern sich, und wer eine Entscheidung trifft, sollte die beiden entscheidenden Punkte — Export und Kosten — vor der Ersteingabe selbst prüfen.
| Kriterium | Tabelle | Bewertungs-Apps | Sammler-Datenbanken | Vinsieme |
|---|---|---|---|---|
| Kernfrage | Was habe ich? | Welchen Wein soll ich kaufen? | Was habe ich, und was sagen andere dazu? | Wo steht meine Flasche, und wann trinke ich sie? |
| Stellplatz und Regalplan | Nur als Textfeld, das man selbst pflegt | Meist kein Schwerpunkt | Stellplatzfelder üblich, Darstellung als Liste | Grafischer Regalplan mit einzelnen Plätzen |
| Offline-Nutzung | Ja, bei lokaler Datei | Meist eingeschränkt | Meist auf Verbindung ausgelegt | Bestand liegt auf dem Gerät |
| Export und Eigentum an den Daten | Vollständig | Je nach Anbieter und Tarif — vorher prüfen | Export üblicherweise vorgesehen | Vollständiger Export vorgesehen |
| Kosten | Keine bis gering | Grundnutzung meist kostenlos, Zusatzfunktionen je nach Tarif | Grundnutzung meist kostenlos, freiwillige oder gestaffelte Beiträge | Keine |
| Werbung und Tracking | Keine | Häufig, da werbe- oder handelsfinanziert | Zurückhaltend | Keine |
Wofür Vinsieme die schlechtere Wahl ist
Drei Fälle, in denen man eines der anderen Werkzeuge nehmen sollte.
- Sie arbeiten auf einem iPhone und wollen eine App aus dem App Store. Eine iOS-Fassung gibt es nicht. Die Web-App lässt sich zum Homebildschirm hinzufügen, aber das ist ein Ersatz, kein Gleichstand.
- Sie wollen vor dem Kauf wissen, ob ein Wein gut ist. Dafür braucht es eine große Bewertungsgemeinschaft. Vinsieme hat keine und wird keine bekommen — dieser Anwendungsfall gehört einer Entdeckungs-App.
- Sie wollen kaufen, verkaufen oder Marktwerte nachverfolgen. Es gibt keinen Marktplatz und keine Handelsanbindung. Wer eine Sammlung als Anlage führt, ist bei einer Sammler-Datenbank oder bei Handelsplattformen besser aufgehoben.
Eine kurze Entscheidungshilfe
- Unter fünfzig Flaschen, alles zu Hause, kein Suchproblem: Tabelle. Ehrlich.
- Kaufentscheidungen im Laden sind das eigentliche Problem: Entdeckungs-App. Der Keller ist dort ein Nebenprodukt, aber das ist in Ordnung, wenn der Bestand klein bleibt.
- Mehrere hundert Flaschen, Jahrgangstiefe, Interesse an fremden Notizen: Sammler-Datenbank.
- Fünfzig bis einige hundert Flaschen, und die wiederkehrende Frage ist „wo steht sie und ist sie schon so weit": eine Kellersoftware mit echtem Stellplatz. Das ist die Lücke, für die Vinsieme gebaut ist.
Es ist übrigens kein Widerspruch, zwei Werkzeuge zu benutzen: eine Entdeckungs-App beim Einkauf, eine Kellersoftware für das, was schon gekauft ist. Getrennte Fragen dürfen getrennte Antworten haben. Und wenn der Bestand nicht im Keller, sondern verteilt in der Wohnung liegt, ändert das an dieser Aufteilung nichts — nur an der Lagerung selbst (Wein lagern ohne Keller).
Der Keller in der Hosentasche
Vinsieme ist eine kostenlose Weinkeller-App: Etikett fotografieren, Platz im Regal zuweisen, Trinkfenster im Blick behalten. Keine Werbung, kein Tracking, funktioniert offline.